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Full text of "Die Vogelwarte Rossitten der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft und das Kennzeichen der Vögel"

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Die Vogelwarte Rossitten 

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das Kennzeichnen der Vögel o o 

von 

Dr. J. Thienemann. 




Mit 4 Tafeln und 10 Textabbildungen. 
BERLIN. 

Verlagsbuchhandlung Paul Parey. 

Verlag für Landwirtschaft, Gartenbau und Forstwesen. 

SW., Hedemannfirrasse 10. 
1910. 



Die 

Vogelwarte Rossitten 

der 

Deutschen Ornithologischen Gesellschaft 

und das 

Kennzeichnen der Vögel. 

Von 

Dr. J. Thienemann. 




Mit 4 Tafeln und 10 Textabbildungen. 



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Rezensionsexemplar. 

BERLIN. 
Verlagsbuchhandlung Paul Parey 

Verlag für Landwirtschaft, Gartenbau und Forstwesen. 

SW., Hedemannstrasse 10. 

1910. 






Alle Rechte — auch das der Übersetzung — vorbehalten. 



Altenburg 
Pierersche Hof buchdruckerei 

Stephan Geibel & Co 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte 5 

Satzungen der Vogelwarte Rossitten 13 

JI. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten 16 

1. Nebelkrähe (Corvus cornix 24 

2. Lachmöwe (Larus ridibundus) 27 

3. Storch (Ciconia ciconia) 29 

4. Heringsmöwe (Larus fuscus). Sturmmöwe (Larus canus) 33 

5. Rauhfufsbussard (Archibuteo lagopus) 34 

6. Strandvögel 34 



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I. 

Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte, 



Die Vogelwarte Rossitten, eine ornithologisch-biologische Be- 
obachtungsstation, ist am 1. Januar 1901 von der Deutschen Ornitho- 
logischen Gesellschaft nach einem von Herrn Regierungsrat G. Rörig 
und dem Verfasser dieser Schrift entworfenen Plan gegründet worden. 
Die erforderlichen Mittel zur Einrichtung der Station waren vom 
Königlichen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- 
angelegenheiten unter Beteiligung des Königlichen Ministeriums für 
Landwirtschaft, Domänen und Forsten zur Verfügung gestellt und sind 
bisher auch zur Unterhaltung des Instituts von den beiden hohen 
Ministerien gewährt worden. Außerdem hat die Provinz Ostpreußen 
der Warte eine jährliche Beihilfe bewilligt, und Gönner der Anstalt 
haben namhafte Beträge beigesteuert. Ganz besonders hat auch Seine 
Exzellenz der Herr Staatsminister von Moltke die Förderung des 
Instituts sich angelegen sein lassen. Der Leiter der Anstalt ist in- 
zwischen in eine feste staatliche Stellung eingerückt, indem er zu- 
gleich zum Kustos an der zoologischen Sammlung der Universität 
Königsberg mit dem Wohnsitz in Rossitten ernannt wurde. 

Die Gründung der Vogelwarte bedeutete für Deutschland ein 
ganz neues Unternehmen; aber dieses Neue ist nicht etwa wie ein 
Pilz über Nacht ganz unerwartet hervorgebrochen, sondern hat seine 
lange Vorgeschichte gehabt. Verfolgt man die ornithologische Literatur 
rückwärts, und vergegenwärtigt man sich ferner die Verhandlungen 
auf früheren ornithologischen Versammlungen und Kongressen , so 
wird man oft den Wunsch ausgedrückt finden , an geeigneten Orten 
Beobachtungsstationen zu errichten, die vor allem die Erforschung 
des Vogelzuges zum Gegenstand ihrer Tätigkeit machen , daneben 
aber auch alle möglichen anderen ornithologisch-biologischen Studien 



5 I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. 

treiben sollten, wie sie eben draußen in der freien Natur an ornitho- 
logisch wichtigen Punkten möglich sind, mit einem Worte: Neben 
der Museumstätigkeit, dem Studium der Bälge, Skelette und anderer 
Teile des Vogelkörpers sowie der Nester und Eier, wie es bisher in 
großem Umfange erfolgreich ausgeübt wird, die Beobachtung des 
lebenden Vogels in der Natur zum Ziele zu nehmen. 

Die Organismen weit des Wassers hatte in mehreren biologischen 
Anstalten, die in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in 
Norddeutschland gegründet worden waren, in bezug auf ihre Lebens- 
erscheinungen, ihren wirtschaftlichen Wert und dessen Förderung ihre 
berufenen Bearbeiter gefunden; durch die Errichtung der Vogelwarte 
Rossitten ist nunmehr auch die Vogelwelt nach dieser Richtung hin 
zu ihrem Recht gekommen. 

Im Jahre 1907 ist auf Staatskosten ein Gebäude für die Vogel- 
warte errichtet worden. Die Arbeitskräfte der Warte bestehen gegen- 
wärtig aus dem Leiter der Anstalt (Verfasser dieser Schrift) und einem 
Diener, der im Gebäude wohnt. Ferner hat sich im Dorfe Rossitten, das 
gegen 500 Einwohner zählt, auf privatem Wege ein Präparator, Herr 
A. Möschler, niedergelassen, der mehrere im Dorfe sich bietende 
Amter verwaltet und dabei auch die Präparationsarbeiten für die Vogel- 
warte besorgt. 

Sieben Monate hindurch sind wir hier in Rossitten von der Außen- 
welt so gut wie abgeschnitten, da am 1. Oktober der Dampferverkehr 
eingestellt und erst am 1. Mai wieder aufgenommen wird. Während 
dieser Zwischenzeit muß bei einer Reise nach auswärts bis zur Bahn- 
station Ostseebad Cranz ein Landweg von 35 km mit Fuhrwerk 
zurückgelegt werden, wenn nicht das Kurische Haff die stets mit 
Freuden begrüßte feste Eisdecke trägt, die den Verkehr mit Schlitten 
ermöglicht. 

Man wird sich fragen, warum für die Gründung der Vogelwarte 
gerade ein so entlegener Ort wie Rossitten gewählt worden ist. Ver- 
schiedene Gründe waren bestimmend dafür. Zunächst ist kurz zu 
erwidern : Wer dauernd Studien an freilebenden Vögeln anstellen soll r 
der muß auch draußen in der freien Natur ansässig sein, ebenso wie 
der Meteorologe, dem die Aufgabe gestellt ist, fortgesetzt Untersuchungen 
im Gebirge zu bewerkstelligen, auf hohen Bergen wohnen muß. 

Daß sich aus solchem Umstände für eine abgeschlossen gelegene 
ornithologische Beobachtungsstation in bezug auf ihr Arbeitsgebiet 
gewisse Beschränkungen ergeben, liegt auf der Hand. Es können und 



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I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. 7 

sollen eben nur solche Arbeiten geleistet werden, die fern von aller 
Kultur, aber mitten im unverfälschten natürlichen Vogelgetriebe mög- 
lich sind. 

In erster Linie handelt es sich um die Erforschung des 
Vogelzuges. Daß die Kurische Nehrung eine Zugstraße ersten 
Ranges darstellt, dürfte schon allgemein bekannt sein. Wer das recht 
verstehen will, der nehme die Karte zur Hand, die dem VIII. Jahres- 
berichte der Vogelwarte Rossitten beigegeben ist, darstellend die 
Ergebnisse, die mit markierten Nebelkrähen bisher erzielt worden sind 
(vergleiche die Karte auf Seite 26). Man wird sehen , daß sich die 
Krähen nach dem Verlassen der Nehrung im Norden und Süden 
oder Südwesten über weite Länderstrecken ausgebreitet haben, beim 
Hin- und Rückzuge aber immer wieder an dem Küstenwinkel zu- 
sammengetroffen sind, wo die beiden großen Haffe und die lang- 
gestreckten Nehrungen liegen. Wie die Krähen, so machen es ohne 
Zweifel auch die übrigen Vogelarten. Man kann jetzt auf Grund 
mehrjähriger Erfahrungen behaupten, daß die ziehenden Vogelscharen 
nach jenem Küstenwinkel gradezu hindrängen, um von da aus ihre 
Reise nach Südwesten oder umgekehrt nach Nordosten zu fortzusetzen. 
Und an dieser günstigen Stelle befindet sich Rossitten. 

In jüngster Zeit hat die Vogelwarte an der Stelle, wo der 
Rossittener Wald im Süden aufhört und die Sandwüste beginnt, 
etwa 7 km vom Dorfe entfernt, ein Beobachtungshäuschen gebaut 
bekommen. Ein Gönner der Station, Herr Rittergutsbesitzer E. Ulmer 
in Quanditten, hat es gestiftet; »Ulmenhorst« heißt es zu Ehren des 
gütigen Gebers. Es besteht aus einem Vorräume, der zugleich als 
Küche dient, und aus einem Wohnräume. Hier lebt der Unter- 
zeichnete während der jährlichen Zugzeiten, da ihm daselbst so leicht 
keine Zugerscheinung entgehen kann. Waldbestände, in denen sich 
die Vögel verstecken könnten, sind nicht mehr da, nur Buschwerk 
und kleine Baumhorste. Die Nehrung ist an der Stelle sehr schmal, 
so daß man die Strecke von der Haffdüne bis zur Vordüne ziemlich 
genau übersehen kann, und so zeigen sich die gefiederten Wanderer, 
die sich hier alle zu einer langen, mehr oder weniger geschlossenen 
Kette zusammendrängen, frei und offen dem Beobachter. 

Hier werden auch Untersuchungen über die einzelnen Phasen 
des Zuges, über Höhe und Schnelligkeit angestellt. Ein tragbares 
Feldtelephon und ein Kastendrachen sind zu dem Zwecke im Gebrauch- 
Hier kann man weiter feststellen, wie ein Wechsel der Witterung 



g I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. 

eine Änderung in der Zugweise der Vögel zuweilen mit größter 
Plötzlichkeit mit sich bringt. Auch nächtliche Beobachtungen sind 
hier nicht so umständlich, wie anderwärts, da man mitten in einer 
viel besuchten Zugstraße wohnt. Mit einem Worte, »UlmenhorsU 
ist ein ideal gelegener Punkt zur Beobachtung des Vogelzuges, und 
dem Unterzeichneten wurde schon oft die Freude zuteil, bei seinem 
Aufenthalte dort nicht nur Fachornithologen, die eingehende Studien 
treiben wollten, sondern auch Freunde der Vogelwelt, die regelrechten 
Zug einmal mit eigenen Augen zu sehen wünschten, zu empfangen. 

Über die Vogelmarkierungen, die von der Station zum Zwecke 
der Erforschung des Vogelzuges vorgenommen werden, folgt unten 
ein besonderer Abschnitt. 

Weiter ist zu bemerken, daß auf der Nehrung nicht nur Gelegen- 
heit geboten ist, den Zug, wie er in der Luft vor sich geht, zu 
studieren, sondern auch die Wanderscharen bei ihrer Rast kennen zu 
lernen, denn unser schmaler Landstreifen bietet an manchen Stellen 
die nötige Nahrung sowie willkommene Unterschlupfe und ladet die 
Vögel zum Einfallen und Bleiben ein. 

Zur Verdeutlichung dessen mag es geraten erscheinen, das Ge- 
lände der Kurischen Nehrung, das vom Nichtkenner gewöhnlich nur 
als öde Sandwüste gedacht wird, in aller Kürze etwas näher zu be- 
trachten. Unser schmaler Landstreifen erstreckt sich in einer Länge 
von 97 km von dem Ostseebad Cranz bis zur Hafenstadt Memel, 
zu beiden Seiten von der Ostsee und dem Kurischen Haffe bespült, 
an manchen Stellen nur etwa l k km breit. Von Süden beginnend 
finden wir zunächst Wald, aus Kiefern, Birken und Erlen bestehend. 
Dann kommt eine meilenweite Strecke Wüste, teilweise nur mit spär- 
lichem Weidengebüsch bewachsen. Nun folgt die Rossittener Oase, 
die die einzige Feldflur auf der ganzen Nehrung birgt. Fruchtbare 
Äcker, Wiesen, Brüche, Rohrdickichte, Busch und Wald wechseln 
sich in bunter Mannigfaltigkeit ab. Von Rossitten nach Norden zu 
finden sich nur noch schmale Waldbestände, ferner Pallwen das 
sind große mit dürftigem Grase bewachsene Sandflächen — und 
zerrissene Binnendünen. Bei Rossitten ist eine der breitesten Stellen 
der Nehrung, etwa 3 km messend. Hier hat auch das interessante 
Elchwild dauernd seinen Standort. Fast die ganze Nehrung entlang- 
laufend, hat man sich an der Haffseite die gewaltigen Wanderdünen 
zu denken, an der Seeseite die künstlich erhaltene, das Meer zurück- 
drängende Vordüne. 






I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. Q 

Daß die Rossittener Oase bei ihrem abwechslungsreichen Gelände 
das meiste Vogelleben zeigt, leuchtet ohne weiteres ein. Der Artenbestand 




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10 I- Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. 

an Brutvögeln ist nicht groß. Der prächtige Karmingimpel 
(Carpodacus erythrinus) sei hier als Perle der Nehrungsornis angeführt. 
Aber von Zugvögeln wimmelt es zuweilen an günstigen Tagen, und 
zwar nicht nur in der Luft, sondern auch, wie gesagt, an den Nahrung 
spendenden Rastplätzen. Das Möwenbruch mit seiner großen Lach- 
möwenkolonie und die am Haffstrande gelegene Vogelwiese ver- 
dienen in der Hinsicht an erster Stelle genannt zu werden. 

An diesen günstigen Punkten können Beobachtungen über den 
Zug der Vögel nach Alter und Geschlecht, über Nahrungsaufnahme 
während der Wanderung, über Zusammenhalten der einzelnen Spezies 
unter- und nebeneinander angestellt werden. 

Leider engt die fortschreitende Kultur wie überall, so auch hier 
in Rossitten die Brutvögel sowie die Rast und Ruhe suchenden Zug- 
vögel immer mehr ein und drängt sie zurück. Der flache, mit Sand- 
bänken besetzte Strand der Vogelwiese z. B. war früher ein beliebter 
Tummelplatz für riesengroße bunt zusammengewürfelte Scharen von 
Strandvögeln. Die Rossittener Vogelwiese verdankt diesem Umstände 
geradezu ihren Namen in der ornithologischen Literatur. Jetzt werden 
dort zum Uferschutz Rohrpflanzungen angelegt. Sofort ist das reiche 
Strandvogel leben stark zurückgegangen, die Tiere suchen jetzt mehr 
eine der Vogelwiese ähnliche-, 12 km nördlich gelegene Pallwe auf. 
Da das Rohr im reinen Sande steht, ohne schlammigen Untergrund, 
so versprechen die neu entstehenden Rohrdickichte nicht ausgleichend 
zu wirken, indem sie etwa allen möglichen Wasser- und Rohrvögeln 
Unterkunft bieten. Am Bruchrande aber, wo noch vor wenigen Jahren 
die Löffelente brütete, wo die seltenen nordischen Sumpfläufer (Limicola 
platyrincha) öfter rastend zu finden waren, da stampfen jetzt weidende 
Kühe alles in Grund und Boden. 

Daß die Vogelwarte im äußersten Osten Deutschlands errichtet 
wurde, dafür waren auch noch besondere zoogeographische Verhält- 
nisse maßgebend. Die ost- oder nordeuropäische, ja sibirische Ornis 
macht selbstredend nicht an der politischen Grenze zwischen Rußland 
und Deutschland plötzlich halt, sondern greift auf das rechts der Weichsel 
gelegene Gebiet Deutschlands über, weshalb die dort vertretene Vogel- 
welt in mancherlei Hinsicht von der des übrigen Deutschlands ver- 
schieden ist. Es seien als Beispiel Kleiber, Dompfaff, Hasel- 
huhn, Haubenmeise genannt , deren Vertreter im Westen ein 
anderes Kleid tragen , teilweise auch von verschiedener Größe sind, 
als im Osten. Es mag ferner daran erinnert sein , daß der sonst im 




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I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. 1 \ 

Ural, Altai und in Turkestan vorkommende grüne Laubsänger 
(Phylloscopus viridanus) während der Brutzeit des Jahres 1905 von 
der Vogelwarte bei Rossitten nachgewiesen wurde. So sind also 
ornithologische Studien in der freien Natur, dauernd vorgenommen 
im Osten unserer Monarchie, stets von Wert, und eine Sammlung 
ostdeutscher Vögel darf stets besonderes Interesse für sich in Anspruch 
nehmen. Die Vogelwarte hat die Aufgabe, eine solche Sammlung 
zusammenzustellen. Darüber ein kurzes Wort. 

In dem Erdgeschoß des neuen Gebäudes befindet sich ein Samm- 
lungsraum, daneben ein kleiner Arbeitsraum, sowie eine Vorratskammer, 
die zugleich als Dunkelkammer dient. Die aufgestellten Vögel sind 
als Schauobjekte in zwei großen Schränken und auf einem Regal 
untergebracht, die Bälge und Eier — besonders die nach Jahrgängen 
geordneten Reihen von abnorm gefärbten und gestalteten Lachmöwen- 
eiern — in einem mit verschließbaren Kästen versehenen Gestell. 
Wenn sich auch die Sammlung mit der eines großen Museums an 
Umfang keineswegs messen kann, so bietet sie doch schon jetzt für 
jeden Fachornithologen des Interessanten genug, da sie eben nach 
ganz besonderen Regeln und bestimmten Grundsätzen zusammen- 
gebracht ist. Und für die Besucher bildet sie eine Sehenswürdigkeit 
Rossittens und eine stete Quelle der Belehrung. Wer nach der sehr 
interessanten ostpreußischen Wüste kommt, ist im voraus geneigt zum 
Lernen und zum Aufnehmen dessen, was sich hier an Wissenswertem 
bietet. So ist aus dem Sammlungsraume der Vogelwarte schon manche 
Anregung fürs Leben und mancher Anreiz zur Liebe für unsere 
Vogelwelt mit hinausgenommen worden, zumal Gewicht darauf ge- 
legt wird, den Besuchern mündlich nach Möglichkeit Aufschluß zu 
geben. Eine besondere Anziehungskraft üben immer die ganzen 
Vögel, Vogelfüße und Fußringe aus, die zur Erforschung des Vogel- 
zuges von hier aus in die Welt hinausgezogen oder hinausgetragen 
worden sind, um oft nach langen Jahren auf den verwickeltsten Um- 
wegen und unter den interessantesten Nebenumständen aus weiter 
Ferne an die Auflaßstation zurückzukehren. Steht doch da unter 
anderen ein pommerscher aus Südafrika eingelieferter Storch, dessen 
ganze Lebensgeschichte der Beschauer auf der angefügten Etikette 
lesen kann. 

Ein umfangreiches Sammeln, das sehr erwünscht wäre, weil 
auf einer speziell ornithologischen Station Gewicht darauf gelegt 
werden muß, jede Vogelart in allen möglichen Kleidern zusammen- 



12 I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. 

zubringen, ist jetzt leider des beschränkten Raumes wegen noch 
nicht möglich. 

Die Sammlung mit ihren zahlreichen Besuchern bringt uns auf 
einen weiteren Punkt. Die Vogelwarte Rossitten auf der entlegenen 
schmalen Landzunge erfüllt auch noch eine Art kulturellen Zweck. 
Als ein in die »Wüste« vorgeschobener Kulturvorposten steht sie da, 
und wenn die Kurische Nehrung, früher vielleicht der unbekannteste 
und am wenigsten besuchte Landesteil unseres Vaterlandes, der bis 
noch vor wenigen Jahren selbst den Bewohnern der benachbarten 
Stadt Königsberg eine vollständige »terra incognita« war, jetzt alljähr- 
lich von zahlreichen Reisenden aufgesucht und immer mehr erschlossen 
wird, so ist es vielleicht nicht unbescheiden, wenn die Vogelwarte für 
sich in Anspruch nimmt, ein wenig zu dieser Wandlung zum Bessern 
beigetragen zu haben. 

Dem praktischen Vogelschutz sucht die Station durch Bieten von 
Nistgelegenheiten für die Höhlen- und Buschbrüter, durch Unter- 
suchungen über praktische Winterfütterung, sowie dadurch gerecht zu 
werden, daß der Unterzeichnete durch Wort und Schrift in weiteren 
Kreisen aufklärend und anregend zu wirken trachtet. 

Die übrigen in das Arbeitsgebiet der Vogelwarte fallenden Auf- 
gaben sind aus den beigefügten Satzungen ersichtlich. Natürlich ist 
es für eine einzelne Person nicht möglich, jeden einzelnen Punkt mit 
gleicher Gründlichkeit zu behandeln. 

So hat also Deutschland seine Vogelwarte; des freuen wir uns. 
Und die Freude würde noch vollkommener werden, wenn auch an 
anderen günstigen Punkten gleiche oder ähnliche Anstalten gegründet 
würden. Schon öfter sind an den Unterzeichneten Schreiben von 
Personen ergangen, die sich mit der Absicht trugen, irgendwo eine 
ornithologische Beobachtungsstation zu errichten. Meist waren aber 
dabei die zu überwindenden Schwierigkeiten doch unterschätzt. 

Augenblicklich jedoch regt sich an drei verschiedenen Punkten 
ernstliches Streben nach Gründung von Vogelwarten, und der Unter- 
zeichnete ist bereits um Auskünfte und Gutachten in der Sache ge- 
beten worden. Es handelt sich um eine Station in Algier und eine 
solche in den russischen Ostseeprovinzen. Die Societe d'Histoire 
Naturelle de PAfrique du Nord in Algier und der Naturforscherverein 
in Riga haben die Sache in die Hand genommen. 

Schließlich sind in jüngster Zeit die Augen der Ornithologen 
wieder mehr nach dem kleinen Helgoland gerichtet, mit Bedauern, 




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I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. 13 

daß die ornithologischen Beobachtungen nun schon seit Jahrzehnten 
dort fast ganz ruhen, und in der freudigen Erwartung, daß es ge- 
lingen möge, an der dortigen Königlichen Biologischen Anstalt eine 
ständige Stelle für einen Ornithologen zu schaffen. Helgoland, Riga, 
Rossitten, Budapest und Algier zusammenarbeitend gedacht an den 
Problemen des Vogelzuges und an anderen noch ungelösten biologischen 
Fragen — sollte es da nicht möglich sein, recht Ersprießliches zu 
schaffen! Hoffen wir, daß das, was jetzt noch im dunkeln unsichern 
Schöße der Zukunft ruht, bald zur Gewißheit wird zum Segen unserer 
geliebten ornithologischen Wissenschaft. 

Satzungen der Vogelwarte Rossitten. 

§ l. 

Die Station führt den Namen »Vogelwarte Rossitten der Deutschen 
Ornithologischen Gesellschaft«. 

§ 2. 
Zweck der Vogelwarte ist: 

1. Beobachtung des Vogelzuges, wobei insonderheit zu berück- 
sichtigen ist: 

a) Zugzeit der einzelnen Arten (Jahres- und Tageszeit); 

b) Richtung der Wanderzüge; 

c) Stärke der einzelnen Wanderscharen und Anordnung der 
Züge; 

d) Sonderung der Vogelarten innerhalb der Wanderscharen 
nach Geschlecht und Alter; 

e) Wind- und Wetterverhältnisse während, vor und nach der 
Zugzeit und Einflüsse derselben auf das Wandern ; 

f) Höhe des Wanderfluges; 

g) Schnelligkeit des Wanderfluges und Geschwindigkeit des 
Vogelfluges überhaupt; 

h) Rasten der Wanderscharen und Rückflug; 
i) Herkunft der Vögel. 

2. Beobachtung der Lebensweise der Vögel und ihrer Abhängig- 
keit von der Nahrung. Unterschiede in der Lebensweise der 
Brut-, Strich- und Zugvögel. 

3. Untersuchungen über Mauser und Verfärbung. Alters- und 
Jahreskleider der Vögel, Zeit und Art ihrer Entstehung. 



14 I- Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. 

4. Untersuchungen über den wirtschaftlichen Wert der Vögel 
und zwar: 

a) Nahrung der Vögel zu verschiedenen Zeiten und an ver- 
schiedenen Orten ; 

b) Nutzen und Schaden, der sich aus der Nahrungsweise der 
einzelnen Vogelarten für Land- und Forstwirtschaft, Garten- 
bau und Fischerei ergibt; 

c) Verbreitung von Pflanzen und niederen Tieren durch 
Vögel. 

5. Untersuchungen über zweckgemäßen Vogelschutz und zwar: 

a) Erhaltung und Vermehrung des Vogellebens durch An- 
pflanzungen und Aufhängen von Nistkästen ; 

b) Versuche mit Winterfütterung zur Erhaltung des Vogel- 
lebens, insonderheit auch zur Erhaltung des Jagdgeflügels. 

c) Maßnahmen zur Erzielung gesetzlicher Bestimmungen zum 
Schutze der Vogelwelt. 

6. Einrichtung einer Sammlung der auf der Nehrung und in 
nächster Umgebung vorkommenden Vögel auf der Vogel- 
warte Rossitten. 

7. Beschaffung von Untersuchungsmaterial für die wissenschaft- 
lichen Staatsinstitute. 

8. Bei den unter 2, 4 und 7 genannten Aufgaben soll die Tätig- 
keit der Vogelwarte sich nicht auf die Vögel beschränken, 
sondern auch auf andere Tierklassen erstrecken. 

9. Verbreitung der Kenntnis des heimatlichen Vogellebens im 
allgemeinen und des wirtschaftlichen Wertes der Vögel im 
besonderen durch Wort und Schrift. 

§ 3. 

Die Vogelwarte Rossitten untersteht einer Verwaltung, die sich 
aus dem jeweiligen Vorstande der Deutschen Ornithologischen Gesell- 
schaft, aus 3 vom Vorstande zu wählenden Mitgliedern der Gesell- 
schaft und aus je einem Vertreter der Königlichen Ministerien der 
geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten und für Land- 
wirtschaft, Domänen und Forsten zusammensetzt. 



I. Geschichte, Anlage und Zweck der Vogelwarte. ] 5 

§ 4. 
Die ornithologischen Ergebnisse der Vogelwarte Rossitten werden 
im Organ der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft, Journal für 
Ornithologie, veröffentlicht. 

§ 5. 
Die Ausführung der in den Satzungen enthaltenen Aufgaben wird 
durch eine Geschäftsordnung geregelt. 

• § 6 - 

Änderungen und Erweiterungen der Satzungen bleiben der Ver- 
waltung jederzeit vorbehalten. 



II. 

Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte 

Rossitten, 



»Der liebe Vogelzug! Dies unerschöpfliche und unergründliche 
Kapitel — « so schrieb einst Heinrich Gätke von Helgoland an 
E. von Homeyer, als ihm wieder mal eine Beobachtung aufgestoßen 
war, die mit seinen sonstigen langjährigen Erfahrungen nicht über- 
einstimmen wollte. »Der liebe Vogelzug!« so möchte auch hier auf 
der Kurischen Nehrung der Beobachter oft genug verzweifelt aus- 
rufen, wenn er sich eine Theorie wohl zurecht gelegt hat, die nach- 
her draußen in der Praxis schnöde in die Brüche geht. »Der liebe 
Vogelzug!« Diese Worte drängen sich einem vor allem auf die Lippen, 
wenn man hier staunend steht und die gewaltigen Vogelscharen von 
Norden nach Süden oder in umgekehrter Richtung unsere schmale 
Landzunge entlang wandern sieht. Wohl kann man Ordnung in das 
Vogelgetriebe bringen, indem man die einzelnen Arten bestimmt, man 
vermag auch die Dauer der Zugzeiten für die verschiedenen Spezies 
mit einiger Sicherheit festzulegen, man kann schließlich Alter und 
Geschlecht der Wanderer ergründen und dergleichen mehr, aber 
wenn es an die Beantwortung der Fragen geht: Wo kommt ihr her? 
Wo liegt eure Brutheimat? Wo wollt ihr hin? Wo habt ihr eure 
Winterherberge? Welche Straßen zieht ihr? — dann ist es mit unserer 
Weisheit mehr oder weniger zu Ende. 

Die Wissenschaft hat zwar Mittel und Wege gesucht, auch der 
Lösung dieser Fragen näher zu treten. Da hat man z. B. über ganze 
Länder sogenannte Beobachtungsnetze gezogen und die von den ein- 
zelnen Beobachtern herrührenden Notizen gesammelt, gesichtet und 
übersichtlich dargestellt. Man ist ferner eifrig daran gegangen, die 
aus bestimmt abgegrenzten kleineren Gebieten stammenden Vögel nach 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 17 

ihrer Färbung oder nach plastischen Merkmalen aus ihren umwohnenden 
Artgenossen herauszuheben und genau zu bestimmen, so daß man 
ihre Heimat ermitteln kann, wo sie auch immer auf ihren Reisen an- 
getroffen werden. Gewiß ist von diesen Methoden noch vieles zu 
erwarten, aber wir dürfen uns nicht verhehlen, daß sich uns bei ihrer 
Anwendung zur Lösung der oben genannten Fragen große Schwierig- 
keiten entgegenstellen. 

Ja, wenn die Färbungsmerkmale bei den zerstreut wohnenden 
Individuen einer Vogelart so prägnant wären, daß die ostdeutschen 
Störche etwa rote Beine hätten und die westdeutschen gelbe, die 
süddeutschen grüne und die aus den russischen Ostseeprovinzen 
blaue usw., dann kämen wir in unseren Zugforschungen gewiß bald 
ein gutes Stück vorwärts, dann trüge jeder Zugvogel gleichsam seinen 
Heimatschein bei sich, und wir würden stets über das woher? und 
wohin? der Reisenden unterrichtet sein. 

Nun wohl! Da die Natur nicht so entgegenkommend ist, uns 
diese Erleichterung zu schaffen, da können wir vielleicht durch Kunst 
nachhelfen. Und so ist tatsächlich in jüngster Zeit das praktische 
Experiment der Zugforschung zu Hilfe gekommen: Man versieht die 
Vögel mit bestimmten Marken und läßt sie wieder fliegen, und nun 
tragen in Wahrheit die ostdeutschen Störche diese Nummern, die 
westdeutschen jene. Das einzelne Individuum ist für sein ganzes 
Leben aus der Masse seiner Artgenossen herausgehoben. Man kann 
seinen Lebensweg nunmehr verfolgen und aus der Beobachtung des 
einzelnen Stückes berechtigte Schlüsse auf die Gesamtheit der Spezies 
ziehen. 

Auch bei oberflächlicher Betrachtung muß es ohne weiteres ein- 
leuchten, daß der Forschung bei dieser Methode Gelegenheit geboten 
ist, an Dinge heranzukommen, die ihr sonst einfach verschlossen 
bleiben. Wird solcher gezeichnete Vogels nach Beendigung des Herbst- 
zuges irgendwo im Süden erbeutet, so weiß man, daß sein und seiner 
Artgenossen Winterherberge dort gelegen ist. Findet die Erlegung 
schon bald nach dem Aufsteigen zwischen Auflaßstation und Winter- 
quartier statt, so ist damit auch die Zugstraße und Zugrichtung an- 
gegeben. Trifft man den Vogel in späterer Zeit wieder an der Auflaß- 
station an, die vielleicht zugleich sein Brutgebiet ist, so steht unwider- 
leglich fest, daß die Vögel immer wieder ihre alte Heimat aufsuchen. 
Liegen zwischen Auflaß- und Erbeutungstag lange Jahre, so kann 
man Schlüsse über das Alter der freilebenden Vögel ziehen und den 

Thienemann, Vogelwarte Rossitten. 2 



18 II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 

Wechsel des Gefieders beobachten — kurz, jeder aufgefundene Ring- 
vogel kann willkommenen Aufschluß über irgendwelche dunkele Fragen 
geben, und zwar einen Aufschluß, dem niemand widersprechen kann. 
Alle Hypothese hört auf, Tatsachen werden geschaffen. Das ist das 
Bestechende an dem Experimente. 

Der Gedanke, Vögel zu kennzeichnen, ist nicht neu. Blättert 
man die alte Literatur durch, so findet man öfter Angaben, daß z. B. 
Störche aus Spielerei oder auch aus ernstem Wissensdrang durch 
Fußringe oder Schildchen von Menschen markiert worden sind. Und 
auch in neuerer Zeit wurden der Vogelwarte im Laufe der Jahre außer 
vielen Brieftaubenringen zahlreiche Ringe und Marken eingeschickt, 
die den verschiedenartigsten erbeuteten Vögeln von den Füßen ge- 
nommen waren: Ringe aus Kupfer, Blech, Gummi, Messing oder 
Hörn, ferner runde münzenförmige Eisenmarken, dann Schnürchen, 
ja sogar Stückchen Gummistrumpfband. 

Über erzielte wohl verbürgte Ergebnisse erfahren wir aber weder 
aus der alten Zeit viel Bemerkenswertes, noch auch konnte die Her- 
kunft der oben erwähnten neuerdings gefundenen Marken festgestellt 
werden. Warum? Weil man solche Versuche ohne jedes systematische 
Vorgehen unternommen und zu wenig oder gar nicht für ihr Be- 
kanntwerden gesorgt hatte. 

So sprechen sich in alter Zeit Joh. Fr. Naumann und 
Chr. L. Brehm über solche praktischen Versuche sehr zweifelnd 
aus, ja, der letztere hält es überhaupt für ausgeschlossen, daß eine 
am Storchbein befestigte Marke auch nur kurze Zeit dem starken 
demolierenden Schnabel des Trägers standhalten würde (cf. Naumann 
[neue Ausgabe], Band VI, S. 306 und Chr. L. Brehm, Beiträge zur 
Vögelkunde, Band III, S. 120 ff.). Es ist gewiß sehr schwer, diesen 
beiden Altmeistern einmal einen kleinen Irrtum nachzuweisen, aber 
hier sind sie doch, wie die neuerdings mit Ringvögeln erzielten 
Ergebnisse zeigen, mangelhaft unterrichtet gewesen. Gerade den 
Störchen ist es vollständig gleichgültig, ob sie etwas an ihren 
Ständern hängen haben, mag das nun ein Schmutzklumpen oder ein 
Ring sein. Sie achten fast gar nicht darauf. Davon unten mehr. 

Seit dem Jahre 1903 ist die Vogelwarte Rossitten, einer dies- 
bezüglichen Anregung des Herrn Prof. Reichenow folgend, bemüht, 
den fraglichen Ringversuch — so wollen wir das Experiment kurz 
nennen — ganz systematisch in möglichst großem Umfange durch- 
zuführen. In Dänemark hatte schon vorher Herr Adjunkt M ortensen 







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II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 19 

in Viborg Vogelmarkierungen vorgenommen und schöne Ergebnisse 
erzielt. 

Gelegenheit zur Ausführung des Versuches war auf der Nehrung in 
günstigster Weise geboten. In jedem Jahre werden von den Nehrungs- 
bewohnern während der Zugzeiten Hunderte von Krähen zu Speise- 
zwecken in großen Netzen gefangen. So standen also größere Mengen 
ganz unverletzt erbeuteter Vögel für Geld und gute Worte zur Ver- 
fügung, und es war nur ein kleiner Schritt zu dem Entschlüsse, diese 
gefangenen Krähen rasch zu zeichnen und ihren Wandergenossen 
nachzuschicken. Später wurde dann der Versuch auf andere Vogel- 
arten ausgedehnt. 

Ich weiß es noch wie heute, als am 9. Oktober 1903 meine erste 
gezeichnete Nebelkrähe aufstieg und sich unter die Riesenschwärme 
ihrer Artgenossen mischte. »Die sollst du wiederbekommen?«, war da- 
mals meine zweifelnde Frage. O, ich wäre zunächst zufrieden ge- 
wesen, wenn ich von hundert, ja von zweihundert gezeichneten Stücken 
vielleicht eins zurückerhalten hätte — und siehe da, ich bin gerade bei 
den Nebelkrähen-Ergebnissen auf 12,2 Prozent der eingelieferten Ring- 
vögel gekommen. 

Wem verdankt der Versuch diese überraschend günstigen Ergeb- 
nisse? Zunächst der Förderung, die er gleich von Anfang an von Seiten 
der maßgebenden ornithologischen Kreise erhielt, dann aber vor allem 
dem Interessse, das ihm aus den weitesten Kreisen der Bevölkerung 
des In- und Auslandes entgegengebracht wurde. Die Vogelwarte ist 
mit ihrem Versuche auf die Öffentlichkeit angewiesen; sie arbeitet 
mit ihr zusammen. Was würde es nützen, daß hier in Rossitten 
oder anderwärts noch so viele gezeichnete Vögel aufstiegen, wenn 
man draußen in der Welt den kleinen zufällig erbeuteten ehernen 
Geburtsscheinen keine Beachtung schenkte, wenn man sie einfach bei- 
seite legte, anstatt sie oder noch besser dieganzen Ring- 
vögel unter Angabe von Zeit und Ort der Erbeutung 
unverzüglich an die Vogelwarte einzuschicken! 

Ich wäre undankbar, wollte ich mich über Teilnahmlosigkeit be- 
klagen , und wenn die vorliegende kleine Schrift ihrer Bestimmung 
gemäß in die Hände derer gelangt, die sich ganz besonders um den 
Versuch verdient gemacht haben, sei es durch Einsenden von Ringen 
und Ringvögeln oder durch Angabe ausländischer Adressen oder 
durch Mitteilung von Notizen aus ausländischen schwer zugänglichen 

2* 



20 H. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 

Zeitungen, so mögen sie die Gabe als eine Dankesbezeugung für 
ihre Mühewaltung hinnehmen in dem Bewußtsein, daß sie der wissen- 
schaftlichen Forschung einen guten Dienst geleistet haben. Auch der 
Presse, die für Bekanntwerden des Versuches in weitgehendster Weise 
gesorgt hat, gebührt unser Dank. Aus den Zuschriften zu urteilen, 
die mir von Vertretern der Presse sehr oft zugehen, nehmen die 
Tagesblätter und Zeitschriften sehr gern Notizen über den Ringversuch 
auf. Es ist etwas Geheimnisvolles, was ihn umgibt, einer gewissen 
Poesie entbehrt er nicht. Das spricht die Menschen an. Da legt 
man einem hilflosen kleinen Storche eine eherne Marke ums Füßchen; 
man verfolgt das Tier über Länder und Meere und bekommt dann 
das Ringlein von der Südspitze Afrikas wieder zugeschickt. Oder 
man sieht hier in Rossitten die munteren Lachmöwen im Frühjahr 
aus ihrem Winterquartiere zurückkehren und kann ihnen zurufen: 
Ich weiß genau, woher ihr kommt! Von der Pomündung im schönen 
Italien oder vom Binnensee bei Tunis in Nordafrika. So ist man 
über den jeweiligen Aufenthalt seiner Lieblinge immer mehr oder 
weniger unterrichtet, man steht mit aller Welt in Verbindung, und die 
kleine Postanstalt in dem entlegenen Nehrungsdörfchen Rossitten hat 
sichs vielleicht nicht träumen lassen, daß sie einmal an einem Tage 
zufällig Briefe aus China, aus Neuseeland und vom Kaplande an die 
Vogelwarte zu befördern hatte. 

Ehe nun auf das Markieren der einzelnen Vogelarten selbst und 
auf die mit ihnen erzielten Ergebnisse näher eingegangen wird, sollen 
kurz noch die berechtigten Einwände besprochen werden, die man 
gegen die Ringversuche wie gegen jede neue Sache, über die noch 
keine Erfahrungen vorliegen, vorbringen durfte. Da wäre zunächst von 
vogelschützlerischer Seite vielleicht einzuwenden, daß die Ringe 
ihren Trägern Schaden zufügen, daß die Füße leiden, daß die Ringe 
zu schwer sind, und von wissenschaftlicher Seite konnte dem 
hinzugefügt werden, daß ein belästigter, in seinem Wohlbefinden ge- 
störter Vogel seinen Zug nicht in normaler Weise fortsetzt, daß also 
damit Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Ergebnisse leiden würden. 
Nun war es an der Vogelwarte, solche Einwände zu entkräften. Es 
darf vielleicht mit guter Zuversicht gleich im voraus gesagt werden, 
daß ihr das gelungen ist. Ausgedehnte Versuche an gefangen ge- 
haltenen beringten Vögeln wurden angestellt — niemals zeigten die 
Ringträger irgendwelches Unbehagen. Die eingelieferten Vögel und 
Füße wurden genau untersucht — nie war irgend etwas Abnormes 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 



21 



zu bemerken 1 ). Bei den betreffenden Schützen, die Ringvögel erlegt 
hatten, wurden genaue Erkundigungen eingezogen, ob sie vor der 
Erbeutung an den betreffenden Tieren etwas Auffälliges, etwa einen 
krankhaften Zustand, bemerkt hätten — nie wurde derartiges berichtet. 
Die Ringvögel hatten sich, gewöhnlich mit Artgenossen vereint, ganz 
zwanglos benommen und waren vom Schützen als Versuchsstücke 
immer erst erkannt worden, wenn er sie in der Hand 
hielt und den Ring sah. Dann aber sprachen im Laufe der Jahre 
die Ergebnisse des Versuches selbst für sich. Wenn Ringvögel von 
Ostpreußen bis Südafrika, bis Frankreich, bis Süditalien oder bis 
Palästina geflogen waren, wenn sie nach Jahren angetroffen wurden 
wie sie ungestört dem Brutgeschäfte oblagen, so konnte kein Zweifel 
darüber herrschen, daß eine Behinderung oder Belästigung durch die 
Marken in keiner Weise stattfindet, und diese Tatsache ist in den 
maßgebenden ornithologischen Kreisen längst anerkannt. Die Wissen- 
schaft hat die Ringversuche als willkommenes Mittel zur Erforschung 
des Vogelzuges und zur Klärung anderer biologischen Fragen ange- 
nommen. Was jetzt etwa noch gegen die Versuche in dieser Hinsicht 
geschrieben oder gesagt wird, beruht auf Unkenntnis und leider auch 
auf beabsichtigter Entstellung. 

Um die Harmlosigkeit der Ringe zu beweisen, hätte es genügt, 
auf unsere Brieftaubenzüchter hinzuweisen, die bereits seit Jahrzehnten 
ihr teilweise sehr kostbares 
Material schon in ganz jugend- 
lichem Alter mit Metallfußringen 
versehen. Würden sie das tun, 
wenn sie auch nur den gering- 
sten Schaden für ihre Pfleg- 
linge gemerkt hätten? 

(Vergleiche dazu auch die 
Ausführungen von Viktor 
Ritter von Tschusi zu 
Schmidhoffen in der 
» Deutschen Jägerzeitung« , Neu- 
damm, Band 54, Nr. 10, vom 



Nr. 5. 



Nr. 3. 



fowARTE 

ffOSSITTEM 



Nr. 1 





G.Kra° 5 

Storchringe, 3. Möwenringe, 
5. Rotkelchenringe. 



4. November 1909, von O. Kleinschmidt in »Falco« Nr. 2 1909 



*) Bei dem im VII. Jahresbericht der Vogelwarte erwähnten Ausnahmefall lag 
ein Verschulden beim Markieren vor. 



22 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 



und die von Dr. W. Riegler in den »Mitteilungen des N.-Ö. Jagd- 
schutz-Vereins«, 31. Jahrgang, Dezember 1909. (Wien.) 

Die folgende Tabelle soll zeigen, wie gering das Gewicht der 
von der Vogelwarte verwendeten Aluminiumringe ist, besonders im 
Verhältnis zur Schwere ihrer Träger. Fünf Sorten Fußringe sind im 
Gebrauch. 

1. Storchringe, 2. Krähenringe, 3. Möwenringe, 4. Drosselringe, 
5. Rotkehlchenringe. (Siehe die Figuren auf S. 21.) 



Ring- 
sorte 



Gewicht des 
Ringes 



Gewicht der betreffenden Ringträger 



1. 
2. 

3. 

4. 



2,4 g 

0,6 g 

0,5 g 
ca. 0,05 g 



Storch: 2,807 kg 

Nebelkrähe: 526 g; Heringsmöwe: 562- — 821 g; 
Rauhfußbussard: 821—1,166 kg 

Lachmöwe: 286 g; Kiebitz: 225 g; Waldschnepfe: 392 g 

Wacholderdrossel : 87—111 g; Star: 74— 96 g; 
Flußseeschwalbe : 137 g; Wasserläufer ca. 150 g; 

Rotkehlchen: 17g; Buchfink: 19,5 g; 
Alpenstrandläufer: 50 g 



Auf einen Punkt soll noch ganz besonders hingewiesen werden. 
Es ist auch gesagt worden, daß der Ringversuch zur Schädigung 
unserer Vogelwelt beitrüge, indem um seinetwillen zahlreiche Vögel 
geschossen würden. Die Vogelwarte verwahrt sich mit aller Ent- 
schiedenheit dagegen, wenn ihr etwa untergeschoben werden sollte, 
daß sie zu einer besonderen Jagd auf Ringvögel auffordere. Eine 
solche soll unter keinen Umständen stattfinden. 

Das Auffinden eines beringten Versuchsvogels überlasse man 
ruhig dem Zufall. Wir stehen vor der an und für sich betrübenden 
Tatsache, daß in jedem Jahre, besonders auf ihren weiten Reisen nach 
dem Süden, sehr viele Vögel auf irgendeine Weise zugrunde gehen 
und in Menschenhände gelangen. Wir wissen z. B., daß in Deutsch- 
land Unmassen von Vögeln aus landwirtschaftlichem oder jagdlichem 
Interesse als Schädlinge vertilgt werden; wir kennen die großen Jahres- 
strecken von unseren jagdbaren Vögeln ; wir erinnern uns des Massen- 
fanges zu Küchenzwecken in Italien und Nordafrika und stellen zu- 
gleich fest, daß, wieder Ringversuch gezeigt hat, auch die unkultivierten 
Eingebornen in Mittel- und Südafrika unseren Zugvögeln aus kuli- 
narischen Gründen nachstellen. Diese sowieso erbeuteten Vögel 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 



23 



unter denen sich ab und zu ein Ringvogel befinden muß, zieht die 
Vogelwarte in Betracht. Niemand soll zum Gewehr oder zur 





Möwenfuß. 



Krähenfuß. 




Wasserläuferfuß. 



Falle greifen in der Absicht, einen Ringvogel zu erbeuten. Ich möchte 
behaupten , daß das auch noch kein Mensch getan hat ; denn bei 
einigem Nachdenken muß er die Nutzlosigkeit seines Tuns einsehen, 



24 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 



wenn er sich die verschwindend geringe Anzahl von Ringvögeln im 
Verhältnis zum ganzen Vogelbestande vergegenwärtigt. 

Nunmehr soll auf die bisher mit dem Ringversuche erzielten 
Ergebnisse etwas näher eingegangen werden, wobei auch die Art der 
Markierung zur Sprache kommen wird. Wir betrachten die zu den 
Versuchen herangezogenen Vogelarten der Reihe nach. 

1. Nebelkrähe (Corvus cornix) 1 ). 

Vom Krähenfang war schon oben die Rede. Ja, das ist noch ein 
Stückchen poesievoller Urwüchsigkeit von der Kurischen Nehrung, 

wenn zur Herbst- und Frühjahrszeit die 
abenteuerlichen Gestalten der Krähen- 
fänger im ersten Morgengrauen hinaus- 
ziehen, um aus den unermeßlichen 
Scharen tagtäglich vorüberziehender 
Nebelkrähen zuweilen reiche Ernte für 
ihre Küche zu halten. Durch ange- 
bundene Lockvögel werden die Krähen 
an die großen Zugnetze aus der Luft 
herabgelockt und dann zuweilen ihrer 
7 — 10 Stück auf einen Zug erbeutet, die 
schließlich vom Fänger durch einen Biß 
in den Kopf getötet werden. Schwerbeladen kehren die »Krahjebietersch« 
(Krähenbeißer) am Abend heim. War der Weg bis zum Fangplatz weit, 
dann haben sie sich beritten gemacht, wobei die Beute an beiden Seiten 
des Pferdes herabhängt. Der Fremde bewundert dabei nur immer 
das eine, daß nämlich diese stolzen Reiter auch bei stärkster Gang- 
art des Pferdes ihre Holzpantoffeln nicht verlieren, die schließlich nur 
noch auf den großen Zehen hängen. Diesen originellen Krähenfang 
hat sich die Vogelwarte für ihren Ringversuch zunutze gemacht 
Ich hielt mich an guten Zugtagen in der Nähe von Fangplätzen auf, 
und sowie die Krähen mit dem Netze bezogen waren, wurden ihnen 
schnell die leichten Aluminiumfußringe umgelegt, so daß sie in der 
nächsten Minute mit ihren Artgenossen schon wieder weiter nach 




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l ) In den im »Journal für Ornithologie« (Kittler, Leipzig) erscheinenden Jahres- 
berichten der Vogelwarte und in den »Ornithologischen Monatsberichten« (Fried- 
länder, Berlin) sind sowohl die näheren Umstände bei der Markierung, als auch 
bei der Erbeutung der Versuchsvögel unter Nennung der in den einzelnen Fällen 
beteiligten Personen geschildert worden. 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 25 

Süden wandern konnten x ). Auf diese Weise sind bis jetzt im ganzen 
909 Nebelkrähen gezeichnet worden , von denen im Laufe der Jahre 
111 Stück, also 12,2°/o zurückgeliefert wurden. Das muß als ein 
sehr hoher Prozentsatz bezeichnet werden. Man erkennt daraus, wie 
stark den Krähen aus jagdlichem und landwirtschaftlichem Interesse 
nachgestellt wird. Ein sehr hohes Alter werden die Krähen bei 
solchem Eingreifen des Menschen in ihren Bestand heutzutage sicher 
nicht mehr erreichen. Sie haben in der Hinsicht dasselbe Schicksal 
wie die Jagdtiere. 

Auf der beigegebenen Karte (siehe nächste Seite) vermag man 
sich leicht über den Zug oder über das Besiedelungsgebiet der Ring- 
krähen zu unterrichten. Die eingezeichneten Kreuzchen stellen die 
Erbeutungsorte von markierten Krähen dar. Der schraffierte Teil ist 
das Besiedelungsgebiet. 

Der nördlichste Fundort einer markierten Krähe liegt etwa 30 km 
westnordwestlich von der Stadt Savonlinna (schwedisch Nyslott) 
in Finnland, etwa 61° 40' n. Br., der westlichste und zugleich süd- 
lichste bei Solesmes im nördlichen Frankreich, etwa 50° 12' 
n. Br. gelegen. Für Deutschland ist der südlichste Punkt Prettin 
an der Elbe, Kreis Torgau, ca. 51° 40' n. Br. So erstreckt sich 
also das Verbreitungs- oder Besiedelungsgebiet der alljährlich über 
die Nehrung wandernden Nebelkrähen über 1 IV2 Breitengrade. Rossitten 
bis Solesmes = 1280 km; Rossitten bis Savonlinna = 900 km; 
Solesmes-Savonlinna =2180 km. 

Die Funddaten aus den russischen Ostseeprovinzen fallen zum 
Teil mitten in die Brutzeit. Manche Ringkrähen wurden sogar am 
Horste geschossen. In jenen Gegenden liegen also teilweise schon 
die Brutgebiete der in Frage kommenden Nebelkrähen. Auffallen muß 
es, daß die Niederlande keine Fundstellen aufweisen. Pommern ist, 
wie die Karte zeigt, ein sehr beliebtes Winterquartier, namentlich die 
Gegend von Stettin. 

Es ist für das Verständnis der Karte noch darauf hinzuweisen, 
daß man sich auch auf der Kurischen Nehrung selbst eine größere 
Anzahl Kreuzchen eingezeichnet denken muß, die des beschränkten 



*) Sämtliche fünf Ringsorten sind von gleicher Einrichtung. Sie werden auf- 
gebogen, dann oberhalb der Zehen um den Fuß gelegt, wieder zugebogen, worauf 
das übergreifende Verschlußstück umzubiegen und mit der Flachdrahtzange fest 
anzudrücken ist. Die Aufschrift lautet: Vogelwarte Rossitten nebst Nummer. 
Auf den großen Ringen auch noch «Germania« (siehe die Figuren auf S. 21). 



26 H. D a s Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 




Karte des Zuges der Nebelkrähe 
auf Grund der von der Vogelwarte Rossitten angestellten Ringversuche. 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 27 

Raumes wegen wegbleiben mußten. Das sind solche Krähen, die vom 
Auflassungstermine an gerechnet oft nach Jahren, nachdem sie die 
Nehrung drei- oder viermal unbehelligt beim Hin- und Rückzuge 
überflogen hatten, einem Krähenfänger wieder ins Netz gerieten. Sie 
zeigen an, daß die aus ein und demselben großen Gebiete stammenden 
Zugvögel immer dieselbe Straße benutzen. Man achte auch auf die 
schmal schraffierte Bahn bei Rossitten, wo alle die Vögel, die sich im 
Norden und Süden so weit ausgebreitet haben, vorbeigezogen sind. 
Die günstige Lage der Kurischen Nehrung für Beobachtung des 
Vogelzuges kommt dadurch zum Ausdruck. 

Die längste Spanne Zeit vom Auflassungs- bis zum Erbeutungs- 
tage beträgt für eine Nebelkrähe (Nr. 123) bis jetzt 5 Jahre, 7 Monate, 
8 Tage. Dieses Exemplar wurde am 12. Oktober 1903 in Rossitten 
aufgelassen und am 20. Mai 1909 bei Gatschina in Rußland, ca. 30 km 
südwestlich von Petersburg geschossen. 

2. Lachmöwe (Larus ridibundus). 

Waren die eben besprochenen Nebelkrähen Zugkrähen, die bei 
ihrer Wanderung über die Nehrung erbeutet und dann markiert 
wurden, so sind die nun folgenden 
Lachmöwen bei Rossitten erbrütete 
Vögel. Ihre Heimat ist also genau 
bekannt, ein Umstand, der die mit 
ihnen erzielten Resultate besonders 
wertvoll macht. Wenn auf dem 

dicht bei Rossitten gelegenen Möwenbruche, das eine starke Lach- 
möwenkolonie beherbergt, die jungen Möwchen halb flügge sind, 
dann werden sie vom Kahne aus eingefangen und rasch markiert 
Sie treiben sich dann noch ein paar Wochen lang umher, um sich, 
sobald sie flugbar geworden sind, zu erheben und als lebende Ver- 
suchsobjekte in die Welt hinauszufliegen. 

Es sind bis jetzt 616 Stück gezeichnet worden, davon 40 zurück- 
geliefert, also 6,4 Prozent. 

Die beigegebene Karte (siehe nächste Seite) zeigt einen ganz 
anderen Typus als die obige Krähenkarte: dort große Besiedelungs- 
gebiete, hier Zugbahnen, die gewöhnlich den Flußläufen und der 
Seeküste folgen. 

Die Hauptwinterquartiere liegen, wie ersichtlich, in den fisch- 
reichen Lagunen an der Pomündung in Oberitalien. Von dort trafen 




28 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 




Karte des Zuges der Lachmöwe 
auf Grund der von der Vogelwarte Rossitten angestellten Ringversuche. 



IL Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 29 

bereits sechs Ringe auf der Vogelwarte wieder ein ; es wurden aber 
nach zuverlässigen Meldungen noch mehr Ringlachmöwen in jener 
Gegend erbeutet, deren Marken leider verlorengegangen sind. 

Außerhalb der auf der Karte verzeichneten Zugbahnen liegen 
noch zwei Fundstellen : der Spirdingsee in Ostpreußen und Berlin. 
Sie rühren beide von jungen, etwa drei Monate alten Vögeln her, 
die bei ihren herbstlichen Streifereien im Binnenlande angetroffen 
wurden. In Berlin hatte sich die betreffende Möwe an der großen 
Möwenvoliere des Zoologischen Gartens eingefunden. 

Der Leser wird jedenfalls fragen, ob auch schon Ringmöwen an 
ihre alte Brutstelle nach Rossitten zurückgekehrt sind. Zwei Fälle 
liegen vor, daß je eine junge Möwe in dem auf ihre Geburt folgenden 
Jahre wieder auf der Kurischen Nehrung angetroffen wurde, wozu 
zu bemerken ist, daß diese Stücke noch nicht fortpflanzungsfähig 
waren. Auf dem Bruche selbst, also nistend, habe ich bis jetzt noch 
keine Ringmöwen aus früheren Jahren beobachtet, obgleich ich oft die 
Gelegenheit wahrgenommen habe, die über ihren Nestern »rüttelnden« 
Vögel mit dem Glase zu beobachten. Die Tiere lassen bei der 
Gelegenheit stets die Füße herabhängen und würden auf die Weise 
etwaige Ringe dem Auge sehr gut zeigen. Danach darf mit einiger 
Sicherheit gesagt werden, daß die Möwen in größeren Mengen nicht 
an ihre alte Kolonie, wo sie erbrütet wurden, zurückgekehrt sind. 
Dabei ist zu berücksichtigen, daß nun schon vier markierte Jahrgänge 
fortpflanzungsfähig sind, denn die ersten Lachmöwen wurden im 
Jahre 1905 gezeichnet und haben ihre Reife im Frühjahr 1907 er- 
reicht. 

Die weiteste Strecke, die eine Rossittener Ringmöwe bis zum 
Winterquartier zurückgelegt hat, beträgt 2200 km, nämlich bis Tunis 
in Nordafrika. 

3. Storch (Ciconia ciconia). 

Daß Störche mit in den Versuch hineingezogen wurden, lag sehr 
nahe. Erstens sind diese großen Vögel allgemein bekannt. Jeder achtet 
mit Vorliebe auf sie. Zweitens zeigt ihr Zug mancherlei Abweichungen ; 
seine Erforschung ist also von besonderer Wichtigkeit. Und drittens 
sind die verhältnismäßig großen Ringe schon von weitem sichtbar, so 
daß die Ringstörche auf größere Entfernung als Versuchsobjekte er- 
kannt werden können. Auch lassen sich auf den breiten Ringen recht 
deutliche Aufschriften anbringen. 



30 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 



Eingedenk der Warnung, die Naumann und der alteBrehm, 
wie oben erwähnt, gerade in bezug auf die Storchmarkierungen er- 
gehen lassen, waren für die Vogelwarte vor Beginn des Versuches 
gewisse Vorarbeiten nötig. 

An gefangen gehaltenen Störchen mußte ausprobiert werden, wie 
sich diese Vögel gegen die angehefteten Ringe benehmen. Der 
Zoologische Garten in Berlin unterstützte die Vogelwarte Rossitten 
bei diesen Versuchen in dankenswerter Weise. Der Verfasser dieser 
Schrift bestieg selbst innerhalb zwei Tagen 23 Storchnester, um 
eigene Erfahrungen zu sammeln Alle Vorversuche fielen sehr günstig 




aus. Die gefangenen Störche kümmerten sich fast gar nicht um 
das Anhängsel am Fuße, kaum daß sie mit dem Schnabel einmal 
hinfaßten. Von einem fortgesetzten Daranherumarbeiten wurde nie 
etwas bemerkt. Die jungen Störche in den Nestern ließen sich das 
Markieren ruhig gefallen und versuchten nie, etwa herabzuspringen. 
Die günstigste Zeit für die Vornahme des Zeichnens ist dann, wenn 
die jungen Tiere halbflügge sind. Auch ziemlich flugbar halten sie 
noch ruhig aus. Die alten Störche griffen nie abwehrend ein, eine 
Störung der Brut fand in keiner Weise statt. 

So konnte nun die Vogelwarte mit Aufrufen an die Öffent- 
lichkeit, besonders an die Storch nestbesitzer herantreten und um 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 31 

rege Beteiligung an den Markierungen bitten. Überall kam man dem 
Unternehmen mit Interesse entgegen, so daß gleich im ersten Jahre 
(1907) 1044 Ringe in kleinen Posten ausgegeben werden konnten. 

Die erzielten Ergebnisse waren geradezu überraschend günstig. 
Zunächst bestätigte der Versuch die bereits gemachte Beobachtung 
sehr schnell, daß der Storchzug im Herbste nicht nach Südwesten, 
sondern nach Südosten gerichtet vor sich geht. Ein Jungstorch z. B., 
der am 24. August 1907 aus Geschendorf bei Lübeck ab- 
gezogen war, wurde zwei Tage später in der Nähe von Brieg in 
Schlesien angetroffen. Entfernung etwa 590 km. 

Ein zweites von Meinhof bei Lippehne, Provinz Branden- 
burg, stammendes Stück trat seine Reise am 19. August 1908 an 
und fand sich sechs Tage später bei Kassa- Böla im nördlichen 
Ungarn vor. Entfernung ca. 640 km. Zugrichtung immer nach 
Südosten. 

Wir verfolgen nun an der Hand der Fundstellen von Norden 
nach Süden vorwärts gehend den Zug der Störche vom nördlichen 
Deutschland bis zur Südspitze Afrikas. Der geneigte Leser, der sich 
genauer unterrichten will, möge sich die Orte im Atlas aufsuchen. Eine 
besondere Storchzugkarte soll demnächst angefertigt werden. 

Der Storch Nr. 835, dessen Heimatnest in der Danziger 
Niederung gestanden hatte, wurde auf seinem Zuge im Gouvernement 
L u b 1 i n , Polen, erbeutet. 

Nun folgen zwei Fundstellen bei Damascus in Syrien. (Her- 
kunftsort dieser beiden Stücke: Ostpreußen.) 

Weiter ist eine Erbeutungsstelle aus der Gegend von Acco in 
Palästina zu verzeichnen. (Herkunftsort: Ostpreußen.) 

Wir gelangen nun nach Afrika. Der nördlichste Fundort in 
diesem Erdteile liegt bei Alexandria in Ägypten. (Herkunftsort: 
Ostpreußen.) Entfernung ca. 2775 km. 

Das nächste Stück ist von besonderem Interesse. Es wurde im 
Oktober 1906 am Fittrisee im mittleren Nordafrika von Ein- 
geborenen in Schlingen gefangen. So weit ins Innere sind also die 
Storchscharen vorgedrungen. Und nicht etwa eine Ausnahme stellt 
dieser Ringstorch dar, nein, die Störche werden vom freundlichen 
Einsender des beringten Beines für die dortige Gegend als »sehr 
gemein« bezeichnet. Markiert war dieses Stück von mir persönlich 
bei Königsberg in Preußen. Entfernung ca. 4675 km. 



32 II- Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 

Etwa auf gleicher geographischer Breite liegt der nächste Fund- 
ort eines ostpreußischen Storches: Rosseres (Roseires) am Blauen 
Nil im Sudan. Entfernung ca. 4900 km. 

Nun überschreiten wir den Äquator und kommen nach Rhodesia, 
speziell nach dem Fort Jameson, wo im Winter 1907 etwa 
13V2 s. Br. der aus der Gegend von Köslin in Pommern 
stammende Storch Nr. 163 aus Scharen seiner Artgenossen heraus- 
geschossen wurde. Entfernung vom heimatlichen Neste etwa 7675 km. 
Das war der erste »Afrikaner«, der auf der Vogelwarte eintraf, und 
zwar, als ganzer Balg. Herr H. Thornicroft aus Fort Jameson 
hat sich unendliche Mühe gegeben, dieses interessante Stück glück- 
lich an seinen Bestimmungsort zurückgelangen zu lassen. 

Eine höchst interessante Geschichte knüpft sich an den folgenden 
Storch, wieder einen geborenen Ostpreußen. Er wurde im Winter 
1907/08 von Buschmännern in der Kalahari -Wüste erbeutet und sollte 
gerupft und gegessen werden. Da sah man den wunderbaren Ring, 
worauf die Beute als vermeintlicher »Gott« zunächst voller Furcht 
weggeworfen wurde. Die Marke gelangte dann über London glück- 
lich wieder in Rossitten an. Entfernung vom heimatlichen Neste etwa 
8600 km. 

Die beiden folgenden Störche, auch in Ostpreußen markiert, 
führen uns nun nach der äußersten Südspitze Afrikas, nach dem 
Basutolande. Hier wurde im Winter 1908/09 je ein Ringstorch 
in der Gegend von Maseru und Quthing erbeutet. Die Ent- 
fernungen, die von diesen beiden etwa 9 Monate alten Vögeln zurück- 
gelegt wurden, betragen 9500 — 9600 km. Gewiß ansehnliche Leistungen. 

So sind also bis jetzt bereits sieben ! ) Ringstörche aus Afrika ein- 
geliefert worden, deren Erbeutungsorte sich durch glückliche Zufälle 
in schöner Gleichmäßigkeit vom äußersten Norden bis zum äußersten 
Süden über die östliche Hälfte dieses Erdteiles verteilen. 

Man wird fragen, wie es möglich war, daß die Ringe oft aus 
recht unkultivierten Gegenden des schwarzen Erdteiles wieder an ihren 
Ausgangspunkt zurückgelangten. Das verdanke ich den Ringaufschriften, 
die von den Entdeckern der Ringvögel in findiger Weise oft ganz 
mechanisch als Adresse benutzt wurden , und ob ich dann in der 
Briefaufschrift -Herr Vogelwarte Rossitten« oder »Monsieur Vogel- 



'j Während des Druckes dieser Abhandlung ist die Zahl bereits auf 13 ge- 
stiegen. 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 33 

warte Rossitten Nr. 112« angeredet wurde, das war mir ganz gleich- 
gültig. Hauptsache blieb, daß ich meine Ringe wieder bekam. In 
letzter Zeit ist auch in Afrika für das Bekanntwerden des Ring- 
versuches mancherlei geschehen. Auch das Reichskolonialamt hat sich 
der Sache in dankenswerter Weise warm angenommen. 

Der Versuch hat weiter gezeigt, daß die Störche in ihre alte 
Heimat, wo sie erbrütet sind, zurückkehren. Es liegen 
eine ganze Anzahl Fälle vor, daß die betreffenden Ringstörche vom 
Markierungstermin an gerechnet nach einem, nach zwei, ja nach drei 
Jahren in ihrer Heimat wieder angetroffen wurden, manchmal ganz 
in der Nähe ihres alten Nestes, manchmal etwas weiter ab. Die Ent- 
fernungen schwanken zwischen 6 — 94 km. 

4. Heringsmöwe (Larus fuscus). Sturmmöwe (Larus canus). 

Außer den bei Rossitten brütenden Lachmöwen stehen dem Unter- 
zeichneten noch die oben genannten beiden Möwenarten zuweilen in 
größerer Zahl zur Verfügung. Wenn nämlich im Herbst starke West- 
oder Südwestwinde wehen , dann ziehen viele Herings- und Sturm- 
möwen am Seestrande entlang, immer gegen den Wind oder bei 
halbem Wind von vorne. Auch Raubmöwen sind diesen Zügen oft 
beigemischt. Die Krähenfänger rücken dann mit ihren großen Netzen 
aus, um auf diese Vögel Jagd zu machen. 

Der Ringversuch hat gezeigt, daß diese Möwenzüge mit großer 
Regelmäßigkeit vor sich gehen, daß an passenden Tagen dieselben 
Vögel immer dieselbe Straße passieren, um sich nach Südwesten vor- 
wärts zu bewegen. So sind beringte Heringsmöwen nach Verlauf von 
zwei Jahren vom Auflassungstermine an gerechnet bei Rossitten wieder 
erbeutet worden. Eine ganze Anzahl Larus fuscus bekam ich von 
der Halbinsel Heia wieder, eine auch von Kalabrien in Süditalien. 

Die Sturmmöwen scheinen sich bei ihren Wanderungen über 
recht große Gebiete zu zerstreuen. Ich bekam z. B. gezeichnete 
Stücke zurück von Trebbin in der Mark, von der Insel Fünen 
(Dänemark), von den Fär-Öer, vom Kanal an der französischen 
Küste und von Paris; dieses schon am achtzehnten Tage nach dem 
Auflassen. 

Wenn uns auch die mit Herings- und Sturmmöwen erzielten 
Ergebnisse nicht speziell über das Aufschluß geben können, was wir 
Zug im Vogelleben nennen, so ist es doch gewiß von Interesse, auch 

Thienemann, Vogelwarte Rossitten. 3 



34 H- Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 

über die regelmäßigen Wanderungen dieser beiden Möwenarten Näheres 
zu erfahren. 

Wie kann man das anders als durch den Ringversuch? 

5. Rauhfußbussard (Archibuteo lagopus). 

Manchmal erfährt man durch die Ringversuche nebenbei etwas 
ganz anderes als das, worauf man es ursprünglich abgesehen hatte. 
So bei den vorliegenden Rauhfußbussarden. 

Im Jahre 1907 hatte ich neun Stück aufgelassen, die gelegentlich 
des Krähenfanges im Netze mit erbeutet waren. 

Von diesen neun Exemplaren erhielt ich innerhalb sechs Monaten 
drei erbeutete zurück: einen aus der Gegend von Magdeburg", 
einen aus dem Kreise Oh lau in Schlesien und einen von Kreisin g 
in Posen. 

Fragt man sich da nicht unwillkürlich, welch hoher Prozentsatz 
von dem Bestände dieser Vogelart alljährlich den Jägern zum Opfer 
fällt! Die Rauhfußbussarde kommen im Winter aus dem Norden zu 
uns und liegen eifrig der Mäusejagd ob. Es sind die großen Raub- 
vögel, die man in der toten Jahreszeit öfter über unseren kahlen Fluren 
herumschweben oder rütteln sieht. Sie beleben die trostlose November- 
stimmung draußen und verdienen als Freunde des Landwirtes Schutz. 
Auf der Krähenhütte zeigen sie sich als die eifrigsten Angreifer und 
müssen dabei meist ihr Leben lassen. 

Auch einen gewöhnlichen Mäusebussard (Buteo buteo), den 
ich mit Ring versehen aufließ, hatte ich sehr bald als Beute aus einem 
Pfahl eisen zurück. 

6. Strandvögel. 

Der Versuch erstreckt sich auf Wasserläufer (TotamdenJ, 
Strand lauf er (Tringen), Regenpfeifer (Charadrien) u. a.; 
allerdings bis jetzt in nur kleinem Maßstabe. 

Die Ergebnisse weisen auf ein langsames Wandern am Seestrande 
entlang hin, immer nach Südwesten zu. Einen am 5. September auf- 
gelassenen Alpenstran'dläufer (Tringa alpina) erhielt ich z. B. 
am 22. September aus Schleswig-Holstein zurück, wo der Vogel bei 
der Bekassinenjagd geschossen war; einen hellfarbigen Wasser- 
1 ä u f e r (Totanus littoreus) nach acht Tagen von der W e i c h s e 1 in 
Westpreußen. 



II. Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 35 

Schließlich sollen noch ein paar mit Kl ein vögeln erzielte 
Ergebnisse erwähnt werden, die zeigen, daß auch unsere zartesten 
Vögel das Markieren sehr wohl vertragen, wenn es sachgemäß vor- 
genommen wird. 

Der verstorbene Professor Rudolf Blasius aus Braunschweig 
hatte sich Vogel wartenringe schicken lassen und damit bei einer Reise 
nach Ungarn ein Gehecke Hausschwalben (Delichon nrbica) 
markiert. Im nächsten Jahre war eine dieser Ringschwalben am Neste 
wieder eingetroffen. 

Ja, ein drei Jahre langes Ringtragen von Seiten einer Hausschwalbe 
ist bereits erwiesen. Im Sommer 1906 zeichnete ich in Rossitten elf 
alte nistende Vögel dieser Art, und am 19. Juli 1909 fing ich eine 
von diesen Versuchsschwalben wieder in Rossitten, wo sie wohl und 
munter dem Brutgeschäfte oblag. Die Ringe hatten also diese zarten 
Tierchen in keiner Weise belästigt, wohl aber konnten sie der Wissen- 
schaft einen guten Dienst tun, indem sie mit unfehlbarer Sicherheit 
bewiesen, daß die Schwalben in ihre alte Heimat immer wieder 
zurückkehren. 

Dazu soll ausdrücklich bemerkt werden, daß es nicht in der 
Absicht der Vogelwarte liegt, die Öffentlichkeit zur Massenbeteiligung 
an den Kleinvögelmarkierungen aufzufordern. Das geht nicht. Mit 
solchen schwachen Geschöpfen umzugehen, dazu gehört Übung, Ver- 
ständnis und eine leichte Hand. Man muß aus Erfahrung wissen, 
was man solchem kleinen Organismus zutrauen kann. Also nur 
der mag Kleinvögel zeichnen, der sich dieser Aufgabe gewachsen fühlt. 

Um so reger möge die allgemeine Beteiligung beim Zeichnen 
größerer Vögel sein. Natürlich muß auch bei diesem Geschäft mit 
äußerster Vorsicht zu Werke gegangen werden; aber ich glaube, 
daß mir jeder beistimmen wird, wenn ich das Markieren eines jungen 
Storches »grobe« Arbeit nenne im Gegensatz zum Beringen einer 
jungen Schwalbe. Die Vogelwarte Rossitten gibt die verschiedenen 
Sorten von Fußringen unentgeltlich und postfrei ab. Sie 
muß von dem betreffenden Zeichner nur verlangen, daß er Ring-Sorte, 
Vogelart, Ringnummer nebst Ort und Zeit der Markierung genau 
aufzeichnet und diese Liste nach Rossitten gelangen läßt. 

Es gilt jetzt besonders eine Aufgabe zu lösen, das ist das Zeichnen 
zahlreicher Störche in den Gebieten westlich der Weser, weil man 
dadurch auf erwünschtes Vergleichsmaterial gegen die mit den östlichen 
Störchen erzielten Ergebnisse hoffen darf. 

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36 H- Das Kennzeichnen der Vögel auf der Vogelwarte Rossitten. 

Gewarnt sei ausdrücklich vor einem Zeichnen auf eigene Faust 
mit beliebig gewählten Ringen und Ringaufschriften. Das könnte zu 
arger Verwirrung führen. Man verwende immer die von der Zentral- 
stelle bezogenen Ringe. Als solche betrachte man für Deutschland 
die Vogelwarte Rossitten. 

Seit dem Herbst 1909 hat sich erfreulicherweise auch die König- 
lische BiologischeAnstalt auf Helgoland, wo jetzt wieder 
ein Ornithologe tätig ist, den Ringversuchen zugewendet, und auch 
im Auslande ist man bereits eifrig daran, Vogelmarkierungen im 
großen Stile systematisch vorzunehmen. So auf der Königlichen 
Ungarischen Ornithologi sehen Zentrale in Budapest, 
in Schottland auf der Universität Aberdeen. 

In England zeichnet seit kurzem Hr. H. F. Witherby, der 
Herausgeber der »British Birds« ; in Dänemark setzt Hr. Mor- 
tensen die Markierungen fort. 

So sind die Ringversuche auf dem besten Wege, internationales 
Gemeingut zu werden. Drängt nicht ihre ganze Anlage mit zwingender 
Notwendigkeit daraufhin? Frei, an keine Landesgrenze gebunden, 
fliegen die gefiederten Versuchsobjekte in der Welt umher. Die 
unserer Nachbarn kommen zu uns, die unsrigen wandern ins ferne 
Ausland. Kann man sich etwas Internationaleres denken ! 

Hoffen wir, daß sich die Versuche unter dem Schutze und unter 
tatkräftiger Hilfe der weitesten Kreise der Bevölkerung des In- und 
Auslandes so günstig weiter entwickeln, wie sie begonnen haben. 
Möge auch der Glücksstern fernerhin über ihnen leuchten; denn 
niemand ist mehr vom glücklichen Zufall abhängig als der Vögel 
zeichnende Ornithologe.